Mensch vs. Maschine: Warum Kreativität mehr ist als ein guter Algorithmus
Künstliche Intelligenz übernimmt im Agenturalltag immer mehr Aufgaben: Vom Projektmanagement über Texterstellung bis zur Bildgenerierung – es gibt mittlerweile eine Vielzahl von Tools, die kreative Prozesse unterstützen und gleichzeitig Arbeitsaufwände reduzieren. Das verändert unseren Arbeitsalltag grundlegend und war Anlass für einen philosophischen Nachmittag bei Café und Croissants. Wir kamen ins Plaudern und Philosophieren: Darüber, wie wir KI bislang nutzen und warum? Und vor allem, was von unserem kreativen Selbstverständnis bleibt, wenn in naher Zukunft vieles automatisierbar sein wird?
KI als kreatives Werkzeug, nicht als Ersatz
Ob im Projektmanagement, im Artwork oder Coding: Jede*r bei Peppermint nutzt bereits KI-Tools und bringt eigene Erfahrungen, Vorlieben und auch Bedenken mit. In einem offenen Austausch zeigte sich, der Zugang zur KI ist individuell. Aber in einem Punkt sind wir uns einig: Sie ist ein nützliches Werkzeug.
- Wir verwenden GPTs als Recherche-Tool und Sparringspartner für Strategie und Konzeption
- Für Moodboards, Impulse und visuelle Recherche nutzen wir Bild-KIs wie Midjourney oder Firefly.
- Sprach- und Korrekturtools wie Deepl helfen uns, mehrsprachige Inhalte zu glätten oder auf Kohärenz zu prüfen.
Doch sehr früh tauchte eine eine zentrale Frage auf: Was passiert mit unserem kreativen Selbstverständnis, wenn wir immer mehr Aufgaben an die KI delegieren? Und wird sie eines Tages unsere Rolle als Impulsgeberin ersetzen?
Für uns liegt der Unterschied zwischen Mensch und Maschine nicht in der Fähigkeit, perfekte Inhalte zu produzieren, sondern in der Kompetenz, relevante Themen zu erspüren und neue Perspektiven anzustoßen. Wir verstehen uns nicht als reine „Content-Produzenten“, sondern als Impulsgeber*innen mit eigener Haltung sowie kognitiver und emotionaler Kompetenz. Die Kreativitätsforschung ( vgl.Sternberg & Lubart, 1995) [1] beschreibt diese Fähigkeit als das Vermögen, bestehende Muster zu verlassen, neue Perspektiven zu eröffnen und kreative Prozesse auszulösen – strategisch, gestalterisch und im zwischenmenschlichen Austausch.
Was KI nicht greifen kann: Intuition &Empathie
„Unsere Rolle als Agentur ist es auch zu verstehen, was zwischen den Zeilen gesagt wird. KI kann nicht verstehen, was der Kunde will, ohne dass er selbst weiß, was er will“, meint Patrick.
Um wirklich neue Perspektiven zu eröffnen, müssen wir die Erwartungen des Kunden erfassen – oft sogar das Unausgesprochene. Es geht um eine Mischung aus Empathie und Intuition.
Henri Bergson bezeichnete Intuition als unmittelbare Erkenntnis, die das Wesen einer Situation jenseits von Sprache und Symbolen erfasst. Auch die Kognitionswissenschaft bestätigt das heute: Neurowissenschaftliche Studien, unter anderem von Gerd Gigerenzer[2], zeigen, dass Intuition eine erfahrungsbasierte Entscheidungsform ist, besonders wirksam in komplexen, mehrdeutigen Situationen ohne klare Datenlage. Während eine KI Mustern analysiert, nehmen wir Dissonanzen, Pausen und Irritationen wahr. Was wir verstehen, beruht nicht auf Wahrscheinlichkeiten, sondern auf einem sensiblen Gedächtnis, auf Gespür für Tonfall und Timing.
Texte ohne Seele? Wo KI an ihre Grenzen stößt
„Ich kann nicht erklären warum, aber manchmal spüre ich einfach, dass das Wort falsch ist, obwohl es formal richtig klingt“, beschreibt Heiko einen KI-generierten Text. Julie sieht es ähnlich, es fühle sich oft „seelenlos“ an, wenn ein Text, ein Inhalt oder ein Bild von KI-Tools generiert würden. Die Studie „Exploring the diference and quality of AI generated versus human written texts“[3] bestätigt diesen Eindruck: KI-generierte Texte werden zwar als logischer und grammatikalisch besser strukturiert wahrgenommen, zeigen jedoch keine Überlegenheit bei der Ausdruckskraft oder beim Wortschatz. Die KI glänzt also in der Form, kann aber mit der Tiefe und Nuancierung der menschlichen Handschrift nicht gleichziehen.
Kreativität braucht gelebte Geschichten
„Was die KI nicht kann, ist zu beurteilen, wie eine Kampagne mit welchem Motiv laufen kann. […] Dafür braucht es Erfahrung“, sagt Bettina, und bringt damit den Kern auf den Punkt: KI kennt kein Gespür für gesellschaftliche Stimmungen, keine Eigenheiten von Zielgruppen, keine selbst erlebten Geschichten, wie persönliche Misserfolge oder Gänsehautmomente – alles Erfahrungen, die einen Kommunikationsprofi prägen. Im Unterschied zur KI ist menschliche Erfahrung nicht nur eine statistische Ableitung aus Mustern, sondern in Kontexte, Emotionen und soziale Dynamiken eingebettet. Der Philosoph Maurice Merleau-Ponty spricht von verkörperter Erfahrung. Sie prägt unseren Blick, unsere Entscheidungen, unser Gespür für Zwischentöne und kreative Reaktionen im entscheidenden Moment und entsteht nicht durch Analyse, sondern durch Präsenz, durch das „Dabeigewesensein“, das Mitfühlen, das Scheitern.[4] Künstliche Intelligenz kann analysieren, kombinieren und simulieren, aber sie kann nicht erleben. Und ohne Erleben kein tiefes Verstehen.
Der kreative Ursprung bleibt menschlich
„Der Impuls ist wie ein Zündfunke. Die KI kann dann Prozesse ablaufen lassen, aber sie muss immer wieder durch unsere kreativen Impulse gefüttert werden. Denn sie kann zwar Inhalte generieren, versteht aber nicht, was sie bedeuten“, so Enrica.
Unser kreativer Prozess entsteht aus einer menschlichen Idee, einem Gedanken oder einem Impuls heraus. Die KI-Tools nutzen wir dann, um eine kreative Idee zu entwickeln. Dabei fließen unsere Intuition und unsere Erfahrung ein, um immer wieder zu hinterfragen und zu bewerten, bis die Idee zu einer „runden Sache“ wird. Die KI-Tools sind somit kein Ersatz für Kreativität, sie können die kreative Qualität jedoch durch Variantenreichtum unterstützen und Arbeitsprozesse beschleunigen. Sie helfen uns, Texte zu glätten, erste Gedanken zu strukturieren und repetitive Aufgaben zu beschleunigen. Aber sie sind nie der Ausgangspunkt oder das Herzstück unserer Arbeit. Die eigentliche Idee, die emotionale Spannung, das narrative Feingefühl – all das bleibt menschlich.
„Wir nutzen KI nicht, um schneller zu sein. Sondern um Raum zu schaffen für das, was nicht automatisierbar ist“, meint Gero. In einer Welt, die sich immer stärker an Effizienz misst, plädieren wir für Menschlichkeit im kreativen Prozess: für Zeit zum Nachdenken, für Gedanken out of the box, für Irrwege und Zufälle, für Gespräche, in denen mehr geschieht als purer Informationsaustausch, für kreative Zwischenräume und Pausen. Voraussetzungen, damit die richtig guten Ideen reifen können. Denn: Kreativität braucht Raum – mit und trotz KI.
[1] Sternberg, R. J., & Lubart, T. I. (1995). Defying the crowd: Cultivating creativity in a culture of conformity. Free Press.
[2] Gigerenzer, G. (2007). Bauchentscheidungen: Die Intelligenz des Unbewussten und die Macht der Intuition. München: Bertelsmann.
[3] Tengler, K., Brandhofer, G. Exploring the difference and quality of AI-generated versus human-written texts. Discov Educ 4, 113 (2025). https://doi.org/10.1007/s44217-025-00529-z
[4] Merleau-Ponty, M. (1966). Phänomenologie der Wahrnehmung (Übers. Rudolf Boehm). Berlin: De Gruyter. (Original: Phénoménologie de la perception, 1945)
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